Im Blick Rheinberg, Köln, Bonn & Leverkusen

Es gibt noch viel Schatten an der Ahr - und dennoch:
Im Ahrtal gehen wieder die Lichter an

Aber nicht zu vergessen: 2170 Menschen sind nach der Flut aus der Kreisstadt weggezogen

„Der Wiederaufbau geht weiter. Die Landesregierung bleibt an Ihrer Seite.“ Ein Zitat aus offizieller Mitteilung der Landesregierung Rheinland-Pfalz, gerichtet an die Opfer der Flutkatastrophe im Ahrtal. Das hört sich gut an. Da tut sich auch was, aber nur langsam, zäh und vieler Orten höchst unbefriedigend. Um so auffallender sind die Aktivitäten der Betroffenen selber. Sie wirken wie Ablenkung vom ganzen Übel. Aktuell heißt das: Im Ahrtal gehen wieder die Lichter an. Auf Sparflamme zwar. Aber immerhin. Lokale Politik und Bevölke-rung geben sich Mühe. Zum Beispiel rund um den Kurpark in Bad Neuenahr.

Diesmal keine Eisbahn, weil eine Rollschuhbahn im Kurpark weniger Energie verbraucht

Vom 25. November 2022 bis 15. Januar 2023 wird der Kurpark zur Winterwelt: Zum ersten Mal wird eine 450 Quadratmeter große Rollschuhbahn aufgebaut, auf der Groß und Klein ihre Künste unter Beweis stellen können. Wer keine eige-nen Inlineskates oder Rollschuhe hat, findet im Verleihzelt eine große Auswahl an Leihrollschuhen in allen Größen. Die Bahn ist überdacht und wird von Gastro-ständen, an denen die Gäste von Kinderpunsch bis Glühwein und von Currywurst bis Spießbraten ein breites Angebot finden, umrahmt. In der Vergangenheirt gab’s eine Eisbahn. Die aber verbrauchte Strom. Jetzt wird Energie gespart.

Uferlichter sollen wieder für eine stimmungsvolle Winterwelt am Fluss sorgen

Vom 02. Dezember 2022 bis zum 15. Januar 2023 erleuchten die Uferlichter wieder den Kurpark Bad Neuenahr-Ahrweiler! An kunstvoll beleuchteten floralen Kunstwerken entlang flanieren, Winzer-Glühweine und regionale Spezialitäten probieren, handwerkliche Kunst bewundern oder einem stimmungsvollen Kon-zert lauschen: Die Uferlichter verwandeln den Kurpark mit einem attraktiven weihnachtlichen Programm in eine stimmungsvolle Winterwelt für alle Generati-onen. Geöffnet sind die Uferlichter nicht nur am 2., 3., und 4. Adventswochen-ende, sondern auch „zwischen den Jahren“ vom 27. bis 30. Dezember und zu-sätzlich 6. bis 8. Januar und 13. bis 15. Januar.

2170 Menschen sind nach der Flut aus der Kreisstadt weggezogen, sagt der Bürgermeister

„Wir leben auf einer der größten Baustellen Europas“,sagte der Bürger-meister von Bad Neuenahr-Ahrweiler, Guido Orthen soeben bei einer Einwohnerver-sammlung im Ortsteil Ahrweiler. Der Bürgermeister informierte darüber, was an baulichen Maßnahmen bereits im Zuge des Wieder- und Neuaufbaus geschafft wurde und was noch auf die Bewohner des Stadtteils zukommen wird. Der „Bon-ner General-Anzeiger“ berichtete darüber ausführlich. Der Ortsteil Ahrweiler und seine Bewohner stünden vor großen Herausforderungen hieß es. 2170 Men-schen, so zitiert die Zeitung Orthen, seien nach der Flut aus der Kreisstadt weg-gezogen, das entspreche 7,4 Prozent der bisherigen Bevölkerung. In Ahrweiler verließen bisher 767 Menschen (10,1 Prozent) den Stadtteil.

Noch immer nur ein Behelf: Eine neue Brücke für Fußgänger am Casino in Bad Neuenahr 

Durch die Aufbau- und Entwicklungsgesellschaft wurde eine weitere Behelfs-brücke am Casino in Bad Neuenahr errichtet. Sie soll die vorhandene proviso-rische Brückeninfrastruktur ergänzen, entlasten und die Verkehrssicherheit der Fußgänger erhöhen. Des Weiteren verbindet die Brücke am Casino unmittelbar zwei bedeutende Wohnviertel jenseits der Ahr und bindet das Parkhaus auf der südlichen Ahrseite an das Zentrum von Bad Neuenahr an. Die beiden anderen zusätzlichen Behelfsbrücken im Bereich Friedhof Ahrweiler sowie am Zugang Heckenbachtal in Walporzheim befinden sich in der Umsetzung. Sie sollen noch in diesem Jahr in Betrieb genommen werden.

Es gibt 85 neue Sirenen  -  der erste Probealarm war erfolgreich

Der Aufbau des elektronischen Sirenenwarnnetzes für die ahranliegenden Ge-meinden ist abgeschlossen. Um die Funktionsfähigkeit der 85 neuen Sirenen zu überprüfen, wurden sie jetzt erstmals ausgelöst.  Ein Probealarm. In den Ver-bandsgemeinden Adenau und Altenahr sowie den Städten Bad Neuenahr-Ahr-weiler und Sinzig war ein rund 15 Sekunden langer auf- und wieder abschwellen-der Ton zu hören. Die Preobe verlief erfolgreich. Das Alarmsignal soll sich hierbei von den turnusmäßigen Feuerwehr-Probealarmierungen am jeweils ersten Samstag im Monat unterscheiden, um keine Verunsicherung bei  zu erzeugen.
Die neuen, auf elektronischer Basis arbeitenden Sirenenanlagen im Ahrtal sind für Fälle eines Stromausfalls akkugepuffert und können auch Sprachdurchsagen aussenden. Somit könnten nach Aussenden des Warntons auch weitere Anleitungen zum Verhalten an die Bevölkerung übermittelt werden.

Die meisten Campingplätze sind an der Ahr nicht mehr zu gebrauchen

Die Wassermassen im vergangenen Jahr haben natürlich auch den Campingplät-zen an der Ahr übel zugesetzt. Wie es weitergehen kann, ist weiterhin offen. In Ahrbrück gibt es vier Campingplätze, drei gehören der Gemeinde Ahrbrück selbst. Bis auf den Platz Denntal Camping, der in einem Seitental der Ahr liegt, hat die Flut alle zerstört.Zur Zeit ist es völlig unklar, wie es mit den Campingplät-zen weitergehen kann. „Wir müssen völlig neu anfangen, bei weniger als Null“, heißt es auch in Altenahr, wo alle drei Campingplätze vom Wasser zerstört wor-den sind.  Mayschoß hat inzwischen einen Stellplatz für Wohnmobile etwas er-höht am Bahnhof hergerichtet. In Rech werden Stellplätze für Wohnmobile ge-schaffen. Für Dauer-Camper sehen die Chancen ganz miserabel aus.

Ein Gutachten plädiert für den Erhalt der angeschlagenen Ahr-Brücken

Der Erhalt der das Ahrtal prägenden denkmalgeschützten Brücken in Dernau, Rech, Dümpelfeld und Schuld ist unproblematisch und machbar. Zu diesem Schluss kommen Gutachten der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Bei der töd-lichen Ahrflut haben historische Brücken mit ihren mächtigen Pfeilern wegge-schwemmte Öltanks und Autos aufgehalten und so den Wasserstand noch er-höht - dennoch plädiert das Gutachten für die Erhaltung einiger der ortsprägen-den Bauwerke. Zum Beispiel in Dernau, Rech, Dümpelfeld und Schuld. Das sei „unproblematisch und machbar“ . Bei der rund 300-jährigen Nepomukbrücke in Rech,  schlägt das Gutachten „einen  neuartig konzipierten Brückenteil ohne Pfeiler vor“. Der Bürgermeister von Rech aber sagt: „Die Brücke muss weg.“

Optimismus muss her:   Touristiker machen frischen Mut im leidgeprüften Ahrtal

Wandern, Weinfeste und Gesundheitseinrichtungen  -  Es ist wieder Leben im Ahrtal  -  Die Touristen kommen allmählich zurück 

Noch immer liegt im Ahrtal  Vieles am Boden.  So geht es vor allem der Gastrono-mie noch miserabel, aber auch unzähligen Privatleu-ten. Um so wichtiger, dass die Touristiker wenigstens Mut machen. So kann man sagen: Das Ahrtal lebt,auch wenn es schwer atmen muss. Die Akteure von Tou-rismus, Politik und Wirt-schaftverbreiten Optimis-mus:  Das klingt positiv, wirkt aber auch ein wenig wie das Pfeifen im Walde. Vieles ist noch nicht in Ordnung.

Vor allem auch das historische Kurviertel hat in Bad Neuenahr gelitten 

Das Steigenberger Hotel in Bad Neuenahr, das historische Thermal-Badehaus, das Kurhaus und die Spielbank – das vor zwei Jahren noch imposante, historische Kurviertel prägte mit seinen mondänen Bau-werken aus der Kaiserzeit seit jeher die Kur- und Gesundheitsstadt. Zumindest bis zu dem Tag, als die Flut vom 15. Juli 2021 über das Ahrtal und damit auch Bad Neuenahr-Ahrweiler hereinbrach. Manch attraktive Einrichtung ist zerstört und wird für immer verschwunden bleiben oder andernorts eine neue Heimat finden müssen.

Immerhin ist der größte Teil des  Straßennetzes wieder befahrbar

Aber manches ist eben auch schon wieder möglich, weil zum Beispiel die Mehrzahl der Verkehrswege in einem nahezu rasanten Tempo wenigstens zu großen Teilen wieder hergestellt werden konnte. Zum Beispiel die B 267 vor und hinter dem Altenahrer Tunnel und der Brückenneubau auf der B 9 bei Sinzig. Das waren besondere Herausforderungen.


Noch regeln zahlreiche Ampeln den Verkehr zwischen Altenahr und Bad Neuenahr-Ahrweiler auf der B 267. Und Stefan Schmitt, Leiter des Projektbüros in Sinzig (großes Bild) oben, sagt: „Die zerstörten Stra-ßen und Brücken müssen komplett neu rekonstruiert und entspre-chend dem aktuellen Stand der Technik geplant werden. Vor diesem Hintergrund kann derzeit keine verlässliche Aussage bezüglich der uneingeschränkten Nutzung der B 267 gemacht werden.“

Ahrtal-Besucher möchten nicht als Katastrophen-Touristen angesehen werden

Und so fällt auch ein erstes Fazit des neuen Verbands-Bürgermeisters zurückhal-tend aus. Im Bonner General-Anzeiger sagte Dominik Gieler (Bild): „Ich stelle fest, dass Menschen wieder den Weg ins Ahrtal finden und die Region damit unter-stützten. Man merkt aber, dass die Scheu vor einem Besuch da ist, weil man nicht als Katastrophentourist gelten will. Hier müssen wir an einer besseren Kommunikation arbeiten.“


Innerhalb der Stadtmauern im historischen Ahrweiler schätzt der zweite Vorsit--zende der Werbegemeinschaft, Henrik Geschier, sind aktuell vielleicht zehn Prozent alle Geschäfte erst wieder geöffnet. Nach und nach öffnen weitere Händ-ler zwar, aber vieles verläuft sehr schleppend. Zerstörung und Verzweiflung sind nicht zu übersehen. „Viele Gastgeber im Ahrtal kämpfen ein Jahr nach der Flut immer noch um ihre nackte Existenz“, sagt Christian Senk, Geschäftsführer des Ahrtal-Tourismus. Die größten Hürden sind schleppende Verwaltungsabläufe und die fehlenden finanziellen Mittel. Über den Gesundheitsstandort berichten Akteure der Gesundheitswirtschaft in Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Manche Kliniken haben ihren Betrieb schon wieder aufgenommen

Die acht Kliniken direkt an der Ahr waren der Flutwelle gnadenlos aus-gesetzt. Schwere bauliche Schäden machen es unmöglich, schnell wieder in Betrieb zu gehen. Die DRK Fachklinik plant ihre vollständige Rückkehr an den ursprünglichen Standort jedoch noch für den Herbst dieses Jahres, die Knappschafts-Klinik für das erste Quartal 2023. Auch die orthopädischen bzw. orthopädisch-rheumatologischen Kliniken Kurköln und Jülich werden wieder an ihre alten Standorte zurückkeh-ren. Eine konkrete Terminierung lassen die aktuellen Planungen derzeit allerdings noch nicht zu.

Das Steigenberger Hotel will im Sommer nächsten Jahres wieder eröffnen

Ähnlich sieht es bei der Privatklinik Steigenberger Sanatorium aus.
Dem Comeback des Steigenberger Hotels fiebert Bad Neuenahr nicht nur als Gesundheitsstandort, sondern auch als Tourismusdestination entgegen. Im Sommer nächsten Jahres soll es soweit sein. „Mit einem neuen Spa-Bereich, einem eigenen Thermal-Schwimmbad und weite-ren Wellness-Angeboten,“ berichtet Verena Zlomke als stellv. Direkto-rin des Hauses. Das Dorint-Hotel allerdings schreibt auf seiner Inter-netseite: „Das Hotel bleibt bis auf Weiteres geschlossen - neues voraussichtliches Wiedereröffnungsdatum ist im Sommer 2024“.

Die beliebte Ahr-Therme ist zerstört und soll einen neuen Standort finden

Bis zur Flut im Juli 2021 boten die Ahr-Thermen im Kurviertel von Bad Neuenahr Entspannung pur im 31 Grad warmen Thermalwasser. Doch die Therme liegt nur wenige Meter vom Fluss entfernt und wurde bei der Flut komplett zerstört. Baden, Saunieren und Wellness genießen sind hier nicht mehr möglich. 90 Prozent aller technisch erforderlichen Einrichtungen für die Therme im Untergeschoss waren vollständig überflutet worden, Die Instandsetzung wäre einem Neubauszenario vergleichbar und würden Kosten in Höhe von über 24 Millionen Euro netto verursachen. Deshalb beschloss der Stadtrat im Juli, die Ahr-Thermen an diesem Standort nicht wieder zu öffnen. Die Stadt plant eine Kombination aus Freizeitbad, Therme, Saunalandschaft und Hotel auf dem Gelände des früheren Twin-Freibades.

Auch die Spielbank gibt's nicht mehr - sie zieht vorübergehend in den Bahnhof ein

Bei der Jahrhundertflut war auch die Spielbank Bad Neuenahr erheb-lich beschädigt worden. Der alte Standort konnte deshalb nicht erhal-ten bleiben. Man fand für die nächsten drei Jahre eine neue Heimat im Bahnhof Bad Neuenahr (Bild).Die verfügbare Fläche ist im Bahnhof allerdings deutlich kleiner als am alten Standort. Der Bahnhof an der Hauptstraße in Bad Neuenahr wurde im Jahre 1879 gebaut und gehört der Deutschen Bahn. Das historische Gebäude wurde umfassend saniert und mit moderner Haustechnik ausgestattet. Davon profitiert jetzt zum Glück auch die Spielbank mit einer brandneuen Automaten-Ausstattung.                         Fotos: Ahrtal Tourismus GmbH;  E.Gravenstein

Die liebliche Ahr  - schon früher „die wildeste Tochter des Rheins“ 

Romantiker bezeichneten die Ahr einst als „die wildeste Tochter des Rheins“. Der Fluss, der dem Tal seinen Namen gibt, schlängelt sich über mehr als 90 Kilometer von seiner Quelle in Blankenheim bis nach Kripp bei Sinzig am Rhein durch eine Landschaft, die von schroffen Felsen, steilen Weinberghängen, dichten Wäldern, weiten Wiesen herrlichen Ausblicken geprägt ist.Direkt vor den Toren Bonns und Kölns gelegen, bietet das Ahrtal eine wunderschöne und einmalige Landschaft.


Auf jedem Abschnitt zeigt das Ahrtal ein anderes Gesicht: Es gibt die Oberahr, die Mittelahr und die Unterahr. Das Zentrum der Mittelahr ist Bad Neuenahr-Ahrwei-ler. Die Flussmündung der Ahr befindet sich in Kripp bei Sinzig. Von 42 Neben-flüssen des Rheines ist die Ahrmündung als einzige in einem weitgehend natur-nahen Zustand. Tor zum Ahrtal ist der Sinziger Stadtteil Bad Bodendorf. Die Bar-barossa Stadt Sinzig wurde bereits 1250 urkundlich erwähnt und ist Ausgangs-punkt des Ahr-Radwegs und des AhrSteigs.

 Weinbau an der Ahr mit langer Tradition - Schon die Römer waren hier aktiv 

Weinbau an der Ahr hat eine lange Tradition. Urkundlich verbrieft kann die Geschichte des Weinbaus im Ahrtal bis ins Jahr 770 zurückverfolgt werden. Schon die Römer erkannten das von der Natur verwöhnte Ahrtal als idealen Standort für Rebstöcke, was zur frühen Besiedlung und zum Wein-bau u.a. in der Gemarkung Dernau führte.  Mildes Klima und die Schieferverwitter-ungsböden im steilen Flusstal begünstigen das Gedeihen der Weintrauben. Dem konnte auch die aktuelle Flutkatastrophe nur unwe-sentlich anhaben. Die Weinstöcle sind stabil, müssen aber bearbeitet werden.